21.03.2017

Großes Interesse am Erhalt wohnortnaher Geburtshilfe –    Deutliche Kritik an Landrat Niedermaier


JU-Kreisvorsitzender Andreas Ofenbeck begrüßte mit (v.l.) Jakob Koch die Expertinnen und Experten Barbara Schwendner (Grüne), Martina Winkler, Dr. Christoph  Preuss und Dr. Manfred Stumpfe
JU-Kreisvorsitzender Andreas Ofenbeck begrüßte mit (v.l.) Jakob Koch die Expertinnen und Experten Barbara Schwendner (Grüne), Martina Winkler, Dr. Christoph Preuss und Dr. Manfred Stumpfe

 

WOLFRATSHAUSEN. Regen Zuspruch fand das Thema der Informations- und Diskussionsveranstaltung „Was sind uns unsere Kinder wert?“ am Montagabend im Wirtshaus Flößerei in Wolfratshausen. Im bis auf den letzten Platz gefüllten Roten Salon konnte der Kreisvorsitzende der Jungen Union, Andreas Ofenbeck, der die Veranstaltung zusammen mit Jakob Koch von der Grünen Jugend im Landkreis initiiert hatte, zahlreiche Bürger aus dem Landkreis begrüßen. Auch Ärzte und Hebammen der betroffenen Stadtklinik Bad Tölz  sowie der Kreisklinik in Wolfratshausen und Vertreter der Parteien CSU, Grüne und Bürgervereinigung waren anwesend. „Ich freue mich, dass es offenkundig ein interfraktionelles Interesse am Erhalt von wohnortnahen Geburtshilfeabteilungen gibt. Gemeinsam müssen wir uns dafür einsetzen, dass werdende Mütter auch in Zukunft die Möglichkeit haben, ihre Kinder im Landkreis zur Welt zu bringen“, betonte Ofenbeck bei der Begrüßung.

 

Anschließend informierten die als Referenten und Diskussionspartner geladenen Experten Dr. Manfred Stumpfe, Belegarzt in Wolfratshausen, der Sprecher der Notärzte und CSU Ortsvorstand von Icking Dr. Christoph Preuss, die Hebamme Martina Winkler (Tölz) sowie Kreisrätin Barbara Schwendner (Grüne) die interessierten Zuhörer über wesentliche Aspekte, die in der aktuellen Diskussion von Bedeutung sind. Zu Beginn betonten Notarzt Dr. Preuss und Hebamme Winkler wie wichtig es ist, dass Notärzte möglichst kurze Wege zu den Kliniken haben. Martina Winkler sagte in Bezug auf die in Schweden bereits praktizierte Lösung von Boarding-Häusern, in die sich Schwangere aufgrund der langen Anfahrtszeiten zur Klinik vor der errechneten Geburt einmieten, um dann rechtzeitig zur Entbindung vor Ort sein zu können: "Diese Option ist mitunter eine Belastung für die werdenden Mütter, da diese oft tagelang in fremder und unvertrauter Umgebung ausharren müssen, um ihr Kind zur Welt bringen zu können. Eine wohnortnahe Entbindungsmöglichkeit schafft hier erheblich bessere Bedingungen." 

 

Dass die Wolfratshauser Abteilung derzeit gut aufgestellt sei, bekräftigte Dr. Manfred Stumpfe, warnte jedoch auch: „Noch stehen wir gut da. Aber wir müssen uns rechtzeitig darüber Gedanken machen, wie es weitergeht in ein paar Jahren, sonst stehen wir vor der gleichen Situation wie derzeit Bad Tölz.“ Er arbeite gerade an einem tragfähigen Konzept für die Zukunft, so der Wolfratshauser Belegarzt. Ein Element könnte dabei eine neu einzurichtende Hauptabteilung in Wolfratshausen mit vertiefter Kooperation mit dem Klinikum Starnberg sein. „Das würde den jungen Ärzten in vielerlei Hinsicht ein attraktives Arbeitsumfeld ermöglichen“, so Dr. Manfred Stumpfe. Dabei spielten insbesondere der Wegfall der hohen Versicherungspolice für Belegärzte und Hebammen eine Rolle. Auf die Frage des JU Kreisvorsitzenden Ofenbeck, ob das auch in Kooperation mit einer weiterbestehenden Abteilung in Tölz möglich sei, verwies Dr. Stumpfe auf die Aussagen von Günther Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomik am Freitag in der öffentlichen Kreisausschusssitzung. Demnach sei dies zwar möglich, aber wirtschaftlich unrentabel. Jakob Koch, Sprecher der Grünen Jugend hakte hier ein und betonte den Wert eines Menschen, der sich nicht in einem Geldbetrag bemessen ließe. Andreas Ofenbeck zitierte in diesem Zusammenhang eine Umfrage der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), nach welcher 42 Prozent aller Kliniken im Freistaat ein negatives Betriebsergebnis meldeten und warf die Frage auf, wie nun die Aussagen u.a. des Asklepioskonzerns und Professor Matthias Beckmanns zu rechtfertigen seien, Geburtshilfeabteilungen müssten schwarze Zahlen schreiben.

Kreisrätin Barbara Schwendner (Grüne) gab hinsichtlich der Entwicklungen, die zur Schließung der Tölzer Geburtshilfeabteilung am 1. April 2017 führten, die Auskunft, die Kreisräte seien über die Gefahr diesbezüglich erst im Herbst 2016 informiert worden. Dies wurde von einem Gast angezweifelt und auch Hebamme Winkler verwies darauf, dass dem Klinikbeirat, dem auch Landrat Niedermaier angehört, bereits im Frühjahr 2015 auf Probleme hingewiesen wurde, die sich ergeben könnten. Robert Namyslo, Stellvertretender CSU-Vorsitzender in Wolfratshausen, stellte die Frage, wer denn als Erster Bürgermeister von Tölz überhaupt für die Privatisierung der Tölzer Stadtklinik verantwortlich zeichnete, woraufhin Schwendner bestätigte, dass dies Landrat Niedermaier gewesen sei. Im weiteren Gesprächsverlauf wurde auf den Interessenskonflikt angesprochen, der sich durch die Ämterhäufung des Landrats als Vorsitzender des Klinik-Aufsichtsrats in Wolfratshausen und Beirat der mit ihr konkurrierenden privaten Tölzer Stadtklinik ergibt.

Der sehr gut gefüllte Rote Salon im Wirtshaus Flößerei in Wolfratshausen
Der sehr gut gefüllte Rote Salon im Wirtshaus Flößerei in Wolfratshausen

 

Das von Niedermaier kürzlich ins Feld gebrachte Argument, von den 1.200 Geburten im Landkreis würden sich nur knapp 800 für eine Entbindung in Tölz oder Wolfratshausen entscheiden, die anderen entschieden sich für eine Klinik mit angeschlossener Kinderabteilung, entkräftete der JU Kreisvorsitzende Ofenbeck indem er darauf verwies, dass die Geburtshilfeabteilungen im Landkreis einen guten Prozentsatz an Schwangerschaften gar nicht behandeln dürfen. Dr. Stumpfe bestätigte dies: „Das ist ein sehr gutes Argument, das ich in der aktuellen Debatte noch vermisst habe. In der Tat müssen wir als sogenannte Level 4-Abteilung  bei Vorliegen von Diabetes bei der Mutter oder bei Mehrlingsgeburten beispielsweise an Starnberg oder Garmisch überweisen.“ Ofenbeck unterstrich auch den zu erwartenden Bevölkerungsanstieg in den kommenden zehn Jahren, der die mit 22% bereits hohe Zuwachsrate an Geburten an Kliniken im Landkreis in den letzten fünf Jahren nochmals steigern werde.

 

Besucher Wolfgang Tutsch stellte infrage, dass es zulässig sei, Staatsgelder an einen privaten Konzern als Unterstützung zu vergeben, und plädierte dafür, eine Hauptabteilung in Wolfratshausen einzurichten und die Möglichkeit zu erörtern, eine Unterabteilung in Bad Tölz beizubehalten. Zur Frage, wie sich denn die Summe von 1,8 Millionen Euro zusammensetzt, gab Dr. Stumpfe zu bedenken, dass ein einheitlicher Berechnungsmodus nicht existiere. Man könne Kosten klein- oder eben auch großrechnen, so der Wolfratshauser Belegarzt. CSU-Kreisrat Peter Plößl plädierte in der Diskussionsrunde dafür, lieber den Standort Wolfratshausen zu stärken und hier Geld zu investieren um in Kooperation mit Starnberg eine Hauptabteilung aufzubauen, als einem privaten Konzern zu unterstützen, der sich in der Vergangenheit nicht gerade am unmittelbaren Wohle der Bürger, als vielmehr seinem Profit orientiert hat, wie man an der unvermittelten Schließung der geriatrischen Fachklinik in Lenggries sehen könne. Auch die Idee der Errichtung eines Boardinghauses in Wolfratshausen möchte Plößl nicht von vornherein ablehnen sondern schlägt vor, auch diese Möglichkeit einer genauen Prüfung zu unterziehen.

 

 

Am Ende des mehr als zweistündigen Austausches kann das Stimmungsbild folgendermaßen zusammengefasst werden:

 

  • eine wohnortnahe Geburtshilfeabteilung im Landkreis ist unverzichtbar

  • so lange die Zahlen, die Asklepios vorgelegt hat und deren Berechnung noch Fragen aufwirft, nicht objektiv von Experten ausgewertet worden sind, erscheint eine Zustimmung der Kreisräte zu einer Unterstützungszahlung nicht sinnvoll

  • der Wunsch, eine Hauptabteilung in Wolfratshausen aufzubauen und Optionen zu eruieren, wie ein Erhalt der Tölzer Geburtshilfeabteilung ermöglicht werden kann, wurde am Abend klar präferiert

 

Die Junge Union dankt allen Experten, den anwesenden Besuchern und auch der Grünen Jugend für den informativen Abend und die angeregte Diskussion. Wir hoffen, dass eine Lösung gefunden wird, die es ermöglicht, dass auch in Zukunft in Wolfratshausen und Bad Tölz Kinder das Licht der Welt erblicken können.